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Ein Stück Gourmethimmel auf Erden

Text: Gaby Labhart

Mit einer Prise Souveränität, einer Handvoll Leidenschaft, einem Schuss Gelassenheit und den besten Produkten aus der Gegend: So wird im Gasthaus Oberlechner die Gästeschar bezaubert.

Peter Gamper hält hier oben die Fäden und – als gelernter Koch – die Kelle in der Hand. Und lässt sich nicht so schnell aus der Ruhe bringen. Auch nicht, wenn sich in seinem Garten und auf seiner Terrasse Spaziergänger, Wanderer, Biker und Familien in grosser Zahl niederlassen. Auch... weiterlesen

Peter Gamper hält hier oben die Fäden und – als gelernter Koch – die Kelle in der Hand. Und lässt sich nicht so schnell aus der Ruhe bringen. Auch nicht, wenn sich in seinem Garten und auf seiner Terrasse Spaziergänger, Wanderer, Biker und Familien in grosser Zahl niederlassen. Auch nicht, wenn sich auf seinem berühmten Balkon, wo die umwerfende Aussicht am umwerfendsten ist, zwei Handvoll Gourmets an die schön gedeckten Tische setzen und der Dinge harren, die da kommen. Und wie sie kommen!

Seit zwei Jahrzehnten wirten Peter und Sabine Gamper im «Oberlechner» auf 960 m über Meer, so beständig und sorgfältig, eigenständig und gradlinig, ehrlich und kompetent, dass alle kommen. Immer wieder. Selbstverständlich trifft man hier auch tout Meran, vorzugsweise an den Sommerabenden, wenn unten die Hitze drückt und hier oben angenehme Frische herrscht. Von der Aussicht ganz zu schweigen: Am Südhang der Texelgruppe liegt der Hof der Familie Gamper im Weiler Vellau, und man sieht von hier aus über den Vinschgau, von Meran bis nach Bozen, vom Ortlermassiv bis zu den Dolomiten. Angefangen hat die neuzeitliche Geschichte dieses Hauses, das schon im 14. Jahrhundert erstmals erwähnt wurde, in den Zwanzigerjahren des letzten Jahrhunderts. Es begann so, wie viele Gaststätten Südtirols einst begonnen haben: mit halt «ein bisserl was ausschenken», wie es Peter Gamper formuliert, vielleicht etwas Speck aufschneiden für den Wanderer, der vorbeikam. Ende der Fünfzigerjahre wurde dann richtig umgebaut und dann wieder und nochmals, und heute steht der stattliche «Oberlechner» da mit seinem grossen Garten unter den Bäumen, der Terrasse und dem Feinschmeckerbalkon, alles in allem finden draussen achtzig Personen Platz. Und drinnen in den renovierten alten Stuben grad nochmals so viele. Nicht zu vergessen der grosse Festsaal, wo gerne Taufen und Hochzeiten gefeiert werden.

Wer zum Mittagessen kommt, kann das natürlich aus allen Richtungen zu Fuss oder per Velo oder schlicht auch mit dem Auto machen; wer sich aber ein besonderes Vergnügen gönnen will, sollte unbedingt den Sessellift Vellau besteigen: Baujahr 1957, seit jeher in Privatbesitz, eine nostalgische Rarität mit Einzelsesselchen aus Holz, versteht sich. Über Mittag ist eine Stunde Pause von halb eins bis halb zwei. Man startet in Mittelplars bei Algund mitten in den Weinbergen und Mohnblumen, schaukelt zart über den berühmten Algunder Waalweg und schaut den Wanderern zu; dann wirds plötzlich ganz still, der Nadelwald breitet sich aus. Und bald danach erklingen die ersten Kuhglocken, und man ist oben angelangt und holt tief Luft, weil die Aussicht einfach atemberaubend ist.

Nach wenigen Schritten sitzt man auch schon bei Gampers im «Oberlechner», die Sonne scheint wohltuend warm, der Gewürztraminer, den Weinkennerin Sabine Gamper empfohlen hat, funkelt kühl im Glas, man liest die kleine, unscheinbare Speisekarte und ahnt, dass da wohl ein Meister im Understatement am Werk ist. Denn nichts weist bei der Lektüre darauf hin, dass Peter Gamper in jeder Hinsicht auf der Höhe ist. Hinter unspektakulären Gerichten wie «Hausgemachte Schlutzer mit Brennnesselfülle» oder dem Klassiker «Kalbswangelen mit Morchelsosse» und den Fleischkrapflen (nein, kein Krapfen, sondern Hacktätschli aus Kalbfleisch!), hinter seinen Knödeln und Ravioli oder dem Rinderschmorbraten mit Kartoffelpüree verbergen sich Köstlichkeiten, sorgfältig zubereitet, leicht und frisch und neu interpretiert, berückend einfach angerichtet, makellos in den Garzeiten, perfekt in den Kombinationen. Und wenn dann der Topfenschmarrn mit Sauerrahmeis oder das Mascarponetörtchen den Schmaus beschliessen und Peter Gamper, der gross gewachsene Mittvierziger mit dem schwarzen Haarschopf, an den Tisch kommt, weiss man endgütlig, dass er nicht nur ein Meister der Untertreibung, sondern auch einer der Zurückhaltung ist. Ja, auch der verbalen.

Man lobt und gratuliert, fragt nach der Entstehungsgeschichte seiner so unverwechselbaren Küchenhandschrift, seiner Ideen für diese Cuisine de Terroir, wie diese Küche neuerdings neudeutsch-modisch heisst.

Gamper aber sagt mit wortkarger Bescheidenheit: «Ich habe schon immer so gekocht. Der Rest ist Glück.» Und dass der frisch geschnittene Salat aus der Region einfach besser schmeckt als ein weitgereister Exote und das Rind vom nachbarlichen Biobauern besser als das wachstumsgeförderte Importbeef, sei ja mittlerweile auch schon eine Binsenwahrheit. Und «ja, ja, stimmt schon», dass der Superstar der europäischen Kochszene, der Bayer Alfons Schuhbeck, begeistert im «Oberlechner» getafelt hat. Gamper hängt auch das nicht an die grosse Glocke.

Dass dieser Gasthof von den kulinarischen Weihen der Gastroführer unberührt geblieben und weder besternt noch bepunktet ist, bleibt unbegreiflich. Wenn es die Gampers kratzen sollte, lassen sie es sicher niemanden merken.

Über ihnen strahlt ohnehin der Himmel, und der ist voller Sterne, die für sie und ihre Gäste heller als jeder andere Stern leuchten.

Adresse

Gasthof Oberlechner, Vellau 7, I–3902, Algund-Vellau, 0039 0473 448 350, 0039 0473 222 557, Auf Google Maps zeigen

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