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Die Südtiroler Architekturszene ist seit gut zwei Jahrzehnten in Bewegung. Jetzt aber ist sie am Boomen. Das zeigt sich an den neuen Kellereien – wie in Terlan (siehe Bild).
Die Pfarrkirche zu Terlan wird von Touristen oft übergangen. Ihr Glockenturm ragt wohl 75 Meter in die Höhe, doch ihre Fassaden sind unspektakulär. Zu einem Halt fühlt sich deshalb nur bemüssigt, wer weiss, dass sich unter ihrem Dach Kunstkostbarkeiten erster Güte verbergen: die... weiterlesen
Die Pfarrkirche zu Terlan wird von Touristen oft übergangen. Ihr Glockenturm ragt wohl 75 Meter in die Höhe, doch ihre Fassaden sind unspektakulär. Zu einem Halt fühlt sich deshalb nur bemüssigt, wer weiss, dass sich unter ihrem Dach Kunstkostbarkeiten erster Güte verbergen: die Marienkrönungsgruppe, die früher aussen über dem Hauptportal platziert war, und das grösste zusammenhängende Sakralwerk der «Bozner Schule».
Neuerdings gibt es in dem Winzerdorf auch einen zeitgenössischen Bau, von dem man Kenntnis haben muss, um ihn nicht zu verpassen. Die Genossenschaftskellerei Terlan hat 2009 ihr Stammhaus renoviert und um 18‘000 Quadratmeter erweitert. Das liesse ein weitherum sichtbares Annexgebäude erwarten. Doch der Entwurf des ortsansässigen Architektenduos Stefan Trojer und Johann Vonmetz fügt sich ebenso sanft wie sinnig in das historische Ensemble und das terrassierte Hanggelände ein und enthüllt seine Geheimnisse erst, wenn man sich Zeit nimmt, sie zu entdecken.
Es beginnt schon vor der Tür. Die moderne Abfüllhalle versteckt sich hinter einer Natursteinmauer, der neue Pavillon für Weinpräsentationen ist mit Porphyrplatten verkleidet. Sie sind rötlich wie die Felswände des Tschögglbergs, der sich hinter der Anlage erhebt – und stammen auch von dort. Bezug zur Gegend nimmt sogar der hochgestellte, mit rostiger Patina überzogene Stahlquader für den Lastzug. Er findet sein formales Pendant im Bergfried der Ruine Maultasch, die über Terlan thront.
Trotz aller Zurückhaltung: Noch vor ein paar Jahren hätte sich ein solches Projekt hier auf dem bäuerlich geprägten Flecken kaum realisieren lassen. Damals war moderne Architektur im Südtirol nicht einmal im urbanen Raum ein grosses Thema. Auch historisch begründet: Nach der Annexion durch Italien nach dem Ersten Weltkrieg litt das vorher zum Habsburgerreich gehörende Land von Burgen, Schlössern und Jugendstil unter Repressionen. Das faschistische Regime versuchte, es seiner Identität zu berauben. Als logische Folge hielt man später erst recht an der Tradition fest und fand nur langsam zu einem neuen Selbstverständnis.
Doch jetzt erlebt hochwertige Baumeisterkunst einen Boom. Und weil man sich auch im Weinbau neu orientiert und hin zu Spitzenprodukten bewegt hat, liegt nichts näher, als beides zusammen zu bringen. Wenn man in dieser Liga spiele – die Terlaner Weissweine gehören zu den Weltbesten –, «dann muss man es nach aussen präsentieren», findet Johann Vonmetz.
Zu Wein und Architektur führt denn auch einer der 12 Wege von «Culturonda Wein». Dieser Kompaktführer mit Hintergrundinfos sowie Hinweisen auf reale Erlebnisstationen lässt auf vielfältige Weise sicht- und spürbar werden, dass mit dem Südtiroler Rebensaft höchster Sinnesgenuss und höchst spannende Kulturgeschichte verbunden sind. Aufgefächert werden dabei auch Themen wie Landschaft, Terroir, alte Rebsorten und Weinbau, Kulinarik, Kunst und Klöster, Sagen – und natürlich verbürgte Geschichte.
Tatsächlich war Wein schon im Mittelalter mit Prestige verbunden. Kirche und Adlige besassen Weingüter als gute zinstragende Kapitalanlage und zur Selbstversorgung. Zwischen 1550 und 1650 entstanden dann entlang der Südtiroler Weinstrasse viele bis heute erhaltene Höfe und Ansitze im an Gotik und Renaissance angelehnten Überetscher Stil. Sie demonstrierten, dass sich mit dem Rebensaft gut wirtschaften liess.
Das erkannten auch die aus dem aargauischen Muri vertriebenen Benediktiner, als sie in Bozen 1845 das barocke Kloster Muri-Gries übernahmen, ursprünglich eine Burg. Sie begannen, Reben zu ziehen und zu keltern, und verkauften ihren Wein. Das tun sie nach wie vor und mit Erfolg. Gegärt wird in der ehemaligen Stiftskirche, im alten Burgkeller aus dem 13. Jahrhundert reift Südtirols Lagrein Nummer eins.
Eine über hundertjährige Geschichte, aber keine nennenswerten Gebäulichkeiten konnte die Kellerei Tramin bis vor kurzem vorweisen. Wohl auch deshalb liessen sich die Genossenschafter von Südtirols bekanntestem Architekten, Werner Tscholl, ein spektakuläres Zeichen in die Landschaft setzen: Vor dem Dorfeingang, inmitten eines unendlichen Rebenmeers, empfangen seit 2010 zwei das alte Haupthaus flankierende Flügelbauten die anfahrenden Besucher mit grosser Geste. Um die von oben bis unten verglasten Innenräume rankt sich ein grünes Stahlgerippe, das an blattlose Weinstöcke im Winter erinnert.
Bei der Kellerei Schreckbichl in Girlan fand sich eine andere Lösung, um den Betrieb herauszuputzen. Der Brixner Gerd Bergmeister hängte dem einen Bestandsgebäude aus den Achtzigerjahren 2006 eine Fassade aus unbehandeltem Eichenholz vor, zur Strasse hin wuchert ein hängender Garten. Entlang des anderen Gebäudes zog der Architekt im Rahmen der umfassenden energetischen Sanierung der Technik auf der ganzen Hofseite ein schwarzes, durchbrochenes Steckmetallgitter, das in einer grossen Überdachung endet. Durch sie wurde ein geschützter Arbeitsraum im Freien und Fläche für Photovoltaikelemente geschaffen.
Dreissig Prozent des Stromverbrauchs kann der Betrieb heute selber decken. Mit Solarpaneelen und einem Wärmerückgewinnungssystem würden zudem siebzig Prozent des Warmwasserverbrauchs generiert, erzählt der junge Geschäftsführer Wolfgang Raifer während der Besichtigungstour stolz und zeigt auf die dazu nötigen Apparaturen mit ihren silbern glänzenden Rohren, als wären sie der grösste Schatz in seinem Keller.
Auch Vonmetz bekommt glänzende Augen, als er mit den Gästen in den Untergrund der Kellerei Terlan steigt. «Es fliesst», sagt er – meint aber nicht die edlen Tropfen, die unter dem Gewölbe der 1953 eröffneten Weinbibliothek gehortet werden, sondern die Wegachse, die vom alten in den neuen Teil der Anlage führt. Doch man sieht sich rasch entschädigt: Durch ein aufgeschnittenes und in den Höhlungen mit frischem Weissweingrün gestrichenes Betonfass gelangt man in einen langen Gang, schreitet vorbei an Wandnischen, in welchen dezent beleuchtete
Flaschen stehen, und fällt endgültig in bewundernde Andacht, als Vonmetz eine der grossen Stahltüren öffnet. Dahinter tut sich eine überdimensionale Schatulle auf: Decken, Boden, Wände und Säulen, alles Porphyr, die Barriquefässer gefüllt mit dem gleichnamigen Lagrein. Es herrscht eine weihevolle Stimmung, man wäre nicht verwundert, wenn sich aus der Tiefe des Raums ein Lobgesang erhöbe. Auf Dionysos und Hephaistos.
Weitere neue Kellereien:
Kellerei Nals-Margreid
Nein, das ist kein Museum für zeitgenössische Kunst, sondern ein «Tempel für Bacchus». So nannte die «Neue Zürcher Zeitung» den 2011 eingeweihten Erweiterungsbau des in Meran lebenden Architekten Markus Scherer. Vom fast zehn Meter hohen Produktionsgebäude mit rotbraunen Sichtbetonwänden spannt sich ein mächtiges, auf der Unterseite kantig geknicktes Dach über Vorplatz und den an eine Holzkiste mahnenden Barrique-Keller.
Winecenter Kaltern
Die Kellerei Kaltern liess sich 2006 vom in Wien und Bozen domizilierten Feld72-Kollektiv an der nördlichen Einfahrtsstrasse zur Ortsmitte ein Verkaufsgebäude errichten. Durch die grossen Fensterverglasungen in den kupfrig schimmernden Fassaden fällt viel Licht ins Innere, die offene Raumfolge mit verschiedenen Ebenen und Galerien sorgt für elegante Leichtigkeit. So wird Probieren und Kaufen zum besonderen Vergnügen.
Kellerei Girlan
Den typischen Überetscher Weinhof erweiterten die Terlaner Architekten Trojer Vonmetz 2011 mit neuen Hallen für den Betriebsverkehr, sie ins flache Gelände zu integrieren gelang ihnen so: Die Linien der Dächer nehmen jene der umliegenden Hügel auf, aus dem Aushub – hier Moränenboden – wurde das unterschiedlich gefärbte Mineralgestein ausgesiebt und zu einer Sichtmauer gegen Rebberg und Dorf hin geschichtet.
Weingut Manincor, Kaltern
Architekt Walter Angonese, in Kaltern beheimatet, hat als Erster gezeigt, wie die Symbiose zwischen Alt und Neu gelingt. Im gegen den Kalterersee abfallenden Gelände des Renaissance-Ansitzes von Winzer Michael Graf Goëss-Enzenberg führt seit 2004 unterirdisch eine stählerne Treppenachse durch drei übereinander versetzte Produktionsgeschosse. Über Tage sind nur der von Holzregalen gestützte Verkaufsraum sowie der gläserne Verkostungspavillon.
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Adresse
Kellerei Terlan, Silberleitenweg 7, I-39018, Terlan, 0039 0471 257 135, Auf Google Maps zeigen
Kellerei Schreckbichl, Weinstrasse 8, I-39057, Girlan, 0039 0471 664 246, Auf Google Maps zeigen
Klosterkellerei Muri-Gries, Grieser Platz 21, I-39100, Bozen, 0039 0471 282 287, Auf Google Maps zeigen
Kellerei Tramin, Weinstrasse 144, I-39040, Tramin, 0039 0471 096 633, Auf Google Maps zeigen
Kellerei Nals-Magreid, Heiligenbergerweg 2, I-39010, Nals, 0039 0471 678 626, Auf Google Maps zeigen
Winecenter Kaltern, Bahnhofstrasse 7, I-39052, Kaltern, 0039 0471 966 067, Auf Google Maps zeigen
Kellerei Girlan, St. Martinstrasse 24, I-39057, Girlan, 0039 0471 662 403, Auf Google Maps zeigen
Weingut Manincor, St. Josef am See 4, I-39052, Kaltern, 0039 0471 960 230, Auf Google Maps zeigen
Weiterführende Inhalte
- Die offizielle App um die Südtiroler Weinstrasse zu entdecken und zu erleben. Südtiroler Weinstrasse: Die App
- Mehr über das Architekturprojekt Kellerei Tramin - das Projekt





