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Schmale Schienen ins Glück

Text: Martin Hauzenberger

Modelleisenbahnen können Männer aller Altersstufen in begeisterte Knaben verwandeln. In die «Eisenbahnwelt» von Rabland kommen sogar Mütter und Schwestern mit.

Schneller kommt man nicht quer durchs ganze Südtirol. Und auch nirgends vergnüglicher. Die Nachbildung der Südtiroler Sehenswürdigkeiten in der Eisenbahnwelt von Rabland bei Meran ist sowohl ein technisches Wunderwerk als auch ein anschaulicher Reiseführer.

Christian Schöpf ist... weiterlesen

Schneller kommt man nicht quer durchs ganze Südtirol. Und auch nirgends vergnüglicher. Die Nachbildung der Südtiroler Sehenswürdigkeiten in der Eisenbahnwelt von Rabland bei Meran ist sowohl ein technisches Wunderwerk als auch ein anschaulicher Reiseführer.

Christian Schöpf ist hier der Mann für alles. Wenn «der Chrischtian» mit viel Wissen und noch mehr Begeisterung durch seine bewegte Welt führt, dann vermag der gelernte Elektrotechniker auch sein Publikum zu elektrisieren.

Und wie es seinem Namen entspricht, setzt der Technische Leiter seine schöpferischen Fähigkeiten vielseitig ein. So hat er für die heiklen Lokomotiven der Modellanlage ein «Trockendock» gebaut: ein mit Schaumgummi gepolstertes Holzkistchen, in das die kleinen Triebwagen genau hineinpassen. Über einen kleinen Kontakt werden die Räder der wie Schildkröten auf dem Rücken liegenden Lokomotiven zum Rotieren gebracht und vom Cheftechniker mit Wattestäbchen «und einer ruhigen Hand» gereinigt – jede einzelne jeden Tag. Auch die Miniaturgeleise werden täglich geputzt: mit einer eigenhändig zu einem fahrenden Staubsauger umgebauten Modelleisenbahn. «Ein bisschen verrückt muss man schon sein», kommentiert Christian Schöpf mit einem Schmunzeln.

Am Anfang stand ein leerer Stadel neben dem beliebten Viersternehotel Hanswirt in Rabland. Der Hotelier wusste nicht so recht, was er damit anfangen sollte. Einer seiner Gäste, der deutsche Arzt Gunther Steitz, hatte eine Idee. Er habe zu Hause eine riesige Sammlung von Modelleisenbahnen, die man hier ausstellen könnte. Man wurde sich einig, der Stadel wurde umgebaut – «in einem Jahr, einem Monat und zwei Tagen», wie Christian Schöpf berichtet –, und dann rollten eines Tages vier riesige Lastwagen aus Deutschland vor den «Hanswirt», die Dr. Steitz’ riesige Sammlung herankarrten: mehr als 23’000 Stück Rollmaterial und Miniaturgebäude aller Art. Sie machten Rabland auf einen Schlag zum Pilgerort für Fans von Modelleisenbahnen – und das sind nicht wenige.

Die Einführung in die Rablander Eisenbahnwelt geschieht im Erdgeschoss mit der Fantasielandschaft «Mittelgebirge», einer Mischung aus der bayrischen Stadt Burghausen und dem österreichischen Linz. Die Stadt steht in einer erfundenen Landschaft, durch die kleine Züge aus verschiedensten Ländern kurven – beispielsweise eine RE 460 mit dem Signet des Schweizer Fernsehens. Seinen deutschen Gästen stellt Christian Schöpf die Fantasiestadt gerne als Buxtehude, schweizerischen dagegen als Hintertupfingen vor.

Vom «Mittelgebirge» geht es eine Treppe höher ins mittlere der drei Geschosse. Hier steht das Prunkstück der Sammlung: die Nachbildung des Südtirols vom Brenner im Nordosten über Bozen im Süden bis zum oberen Vinschgau im Nordwesten. Die Wahrzeichen des Südtirols sind hier im Kleinformat nachgebaut worden – von den Autobahnviadukten am Brenner über die mächtigen Schanzen der Franzensfeste, den Dom von Brixen, das hoch über Klausen thronende Kloster Säben und die markanten Gebäude von Bozen und Meran bis zu Reinhold Messners Schloss Juval über dem Eingang zum Schnalstal. Aus Platzgründen stehen die Südtiroler Highlights deutlich näher zusammen, als es dem gewählten Massstab 1:87 enstprechen würde.

Und weil dem Publikum im Modell nur die nördlichen Flanken der Täler von Eisack und Etsch gezeigt werden können, wechselt eine Attraktion wie die Marmorbahn von Laas eben aus technischen Gründen auf die andere Talseite. Einige Bergbahnen und die Bagger eines Bauunternehmens in der Nähe von Meran lassen sich auf Knopfdruck selbst in Bewegung setzen.

Sogar den Drehstern von Mals unweit der Schweizer Grenze hat man minutiös nachgebaut: Mit einigen Hin-und-her-Fahrten über den fünfzackigen Geleisestern werden ganze Züge ohne Drehscheibe gewendet. Und hinter dem Bahnhof Mals haben sich die Modellbauer einen Zukunftswunsch en miniature erfüllt: Da führt nämlich ein Tunnel in den Berg, der – wenn er denn wirklich existieren würde – den Vinschgau mit dem Engadin verbände. Das Engadin allerdings hat im Modell keinen Platz gefunden, den Zielbahnhof Scuol muss man sich hinter den Gipsbergen selbst dazudenken. Und so kehrt der kleine Eisenbahnzug nach angemessener Zeit unverrichteter Dinge in den Modell-Vinschgau zurück. Selbst im Kleinformat sind nicht alle Träume zu realisieren.

Neben den Verkehrsanlagen ist auch das tägliche Leben genauestens rekonstruiert worden. Mit Hunderten von kleinen Menschlein im Massstab 1:87 wird der Südtiroler Alltag nachgestellt. Und wer genau hinschaut, kann manch kleinen Spass der Gestalter entdecken –Imker und Osterhasen, ein Velo- und Traktorenrennen übers Stilfserjoch, ein Openair- Konzert, ein gut getarntes Liebespärchen beim handfesten Schäferstündchen.

Am Bahnhof von Naturns im Vinschgau haben die Modellarchitekten sogar das Modell eines Modells gebaut. Dort steht nämlich im richtigen Leben eine kleine Eisenbahn, auf der die Kinder herumkutschieren können – die gibts hier als Miniatur der Miniatur. Und vor dem Modell der Rablander Eisenbahnwelt, des Museums, in dem wir gerade stehen, sind die Abbilder der Lastwagen zu sehen, welche die Steitzsche Sammlung damals aus Deutschland gebracht haben.

Im obersten Stock der Eisenbahnwelt stehen Nachbildungen berühmter Eisenbahnzüge von Bayernkönig Ludwig II. über Adolf Hitler, Erich Honecker und Konrad Adenauer bis hin zu Harry Potter. Zu ihrem Recht kommen aber auch andere Transportmittel: Im Jahr 2011 beispielsweise wurde eine Sonderausstellung mit Rettungs-fahrzeugen und -helikoptern aus aller Helfern Ländern gezeigt, unter anderem mit einem Modell jener Cadillac-Ambulanz, in der Elvis Presley auf seiner letzten Fahrt unterwegs war. Dieses Jahr gehts martialischer zu: Jetzt werden Militärfahrzeuge aller Art präsentiert.

Die Rablander Eisenbahnwelt funktioniert auch als Kinderhort: Während die Eltern durch den Vinschgau wandern, beschäftigt sich der Nachwuchs spielerisch mit anderen Fortbewegungstechniken. Zudem ist die Eisenbahnsammlung ein kleiner Zoo: Da gibt es Lokomotiven mit so tierischen Namen wie «Elefant» (eine alte Dampflok aus der Schweiz) oder «Krokodil» – ebenfalls aus der Schweiz und dank ihrer unverwechselbaren Form bereits zur Legende geworden. Auch eine Lokomotive namens «Muli» ist zu sehen, und aus Italien kommen die «Tartaruga» und der «Caimano», die Schildkröte und der Kaiman.

Und das Schönste an der Sache: Man darf sich am Computer nebenan auch mal selbst als Dirigent des Bahnorchesters betätigen. Denn Cheftechniker Schöpf hat natürlich alles aufs Raffinierteste programmiert und gibt Interessierten gerne Einblick in die technische Wunderwelt. Da lassen auch Väter gerne eine Wanderung aus.

Adresse

Eisenbahnwelt, Geroldplatz 3, I-39020, Partschins/Rabland, 0039 0473 521 460, Auf Google Maps zeigen

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